Minh Phương Nguyễn, things act weird when watched, Installationsansicht

Things act weird when watchedMinh Phương Nguyễn
24.10. - 6.11.2025

Ich erinnere mich genau an die Nacht, an der ich bekifft mit meinem Ex-Freund durch die Straßen unserer Heimatstadt lief. Wir hatten uns ewig nicht mehr gesehen. Mittlerweile sind wir in verschiedene Städte gezogen und haben das kleine Ritual uns zu treffen und einander Updates von unseren Leben zugeben. Die Straßen unserer Kleinstadt kennen wir auswendig. Nachts ist es dort still, fast schon geisterhaft. An diesem Abend liefen wir wie immer unsere Runde durch die Gegend, bis wir jene eine Straße überquerten, auf der einen Seite der
Grabsteinmacher, auf der anderen der Friedhof (Irgendwie auch ein sehr symbolträchtiges Bild).
Als wir die Straße passierten, schaute er nach oben und rief laut aus. Ich folgte seinem Blick und sah eine Reihe leuchtender Punkte am Nachthimmel. Ich dachte mir zuerst, wir sind Zeugen eines astronomischen Wunders. Es hatte gar nicht aufgehört: Eine lange, gleichmäßige Linie von fliegenden Sternen. Vielleicht nahm ich auch eine Sternschnuppe in Zeitraffer wahr? Ich versuchte sie im Moment zu zählen, aber kam gar nicht mehr hinterher. Wir standen mitten auf der Straße, fasziniert oder verwirrt? Vielleicht waren wir schon so benebelt, dass wir nichts mehr unterscheiden konnten. In diesem Moment fuhr die Polizei vorbei. Wir versuchten zu erklären, was wir sahen, aber scheiterten an unserer Sprache. Die Worte kamen nicht über unsere Lippen. Oder sie ergaben keinen Sinn.


Die Installation things act weird when watched setzt sich mit der Fragilität von Wahrnehmung, der Verschränkung von Realität und Illusion sowie der performativen Konstitution von Wirklichkeit auseinander.
In einer medienübergreifenden Praxis, bestehend aus Malerei, Skulptur und Objektinstallation behandelt die Arbeit die Beziehung zwischen Materialität und Vorstellung, zwischen dem Sichtbaren und dem Symbolischen. Ausgangspunkt ist dabei die Auseinandersetzung mit Jean Baudrillards Konzept des „Verschwindens der Realität“. In seiner These beschreibt er, wie die Realität im Zeitalter der Simulation nichtnur verzerrt, sondern vollständig durch Zeichen ersetzt wird. Was wir als Wirklichkeit erfahren, ist zunehmend eine Inszenierung:ein hyperrealer Zustand, in dem die Grenze zwischen realem Ereignis und dessen medialer Repräsentation unkenntlich geworden ist. Die Installation reagiert auf dieses theoretische Fundament mit einer künstlerischen Strategie der Irritation: Wahrnehmung wird nicht stabilisiert, sondern herausgefordert. Es geht nicht darum, die Wirklichkeit abzubilden, sondern ihre Konstruktion sichtbar zu machen. Wahrnehmung erscheint hier nicht als neutrales Erfassen der Welt, sondern als performativer Akt, der stets durch kulturelle Codierungen, sozialer Prägung und individuelle Projektionen vermittelt wird. In diesem Sinne ist Wirklichkeit kein fixer Zustand, sondern eine fortlaufende Setzung, ein Prozess des Deutens, des Sichtbarmachens und gleichzeitig des Verbergens. Gleichzeitig thematisiert die Arbeit die Überwachung des Blicks: Der überwachte Blick, sei er technologisch, sozial oder psychologisch, wird selbst zum Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung. Doch wo Kontrolle herrscht, bleibt auch Raum für Subversion. Das Performative wird zur Methode, innerhalb der festgeschriebenen Ordnung neue Lesarten zu ermöglichen, oder zumindest: die Hoffnung darauf wachzuhalten.

       
Minh Phương Nguyễn, lipstick army, verschiedene Größen, Aluminum, Stahl, Holz, 2025, Detailansicht

Minh Phương Nguyễn, things act weird when watched, Installationsansicht



Minh Phương Nguyễn, lipstick army, verschiedene Größen, Aluminum, Stahl, Holz, 2025

Minh Phương Nguyễn, at night the eyes are bright, 30 x 25 cm, Öl und Tinte auf Leinwand, Bambus, Metall, 2025

Minh Phương Nguyễn, guardians, Din A3 Siebdruck im Rahmen, 2025, 40x50cm

Minh Phương Nguyễn, star shopping, 200 x 185 cm, Öl und Tinte auf Leinwand, 2025, Installationsansicht